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2003 könnte der erste "Offene Kanal" Wiens Medienszene bereichern

Bürgerfernsehen Wien Projekt ,Offener Kanal'

Von Manfred A. Schmid
Das demokratiepolitische Anliegen "freier Zugang zum audiovisuellen Medium Fernsehen" ohne Redaktionsprinzip - in den USA und in mehreren europäischen Ländern bereits Realität - ist in Österreich noch nicht erfüllt. Wien soll nun die erste Stadt werden, die diesen Schritt zur Bereicherung der heimischen Medienlandschaft unternimmt. Eine vom Rathaus in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie liegt bereits vor. Sie war der Gemeinde Wien immerhin 50.000 Euro Wert. Im Jahr 2003 könnte das Projekt "Offener Kanal" bereits an den Start gehen. Die Studienautoren rechnen dabei zunächst mit einem jährlichen Finanzierungsbedarf von 0,6 bis 0,9 Mill. Euro. Der "Offene Kanal" Wien ist Teil einer gemeinsamen Projektreihe der Wiener Grünen mit der Wiener SPÖ.

Debattieren Sie mit!Vorreiter USA und Bundesrepublik
Offene Kanäle kennt man in den USA seit 1971 unter dem Namen public access. Inzwischen gibt es dort schon über 2.2000 public access channels. Auch in der Bundesrepublik Deutschland wird den Bürgern bereits seit 1984 - als in Ludwigshafen (Vorderpfalz) ein Pilotprojekt startete - die Möglichkeit geboten, selbst produzierte Beiträge in ausschließlich dafür vorgesehenen Fernsehkanälen kostenlos zu senden.
Seit der Einführung des Kabelfernsehens sind auch die dafür benötigten Kapazitäten kein Problem mehr. Nachdem im Jahr 1987 der "Staatsvertrag zur Neuordnung des Rundfunkwesens" von den Ministerpräsidenten der Bundesländer unterzeichnet worden ist, ist in unserem Nachbarland auch die Finanzierung Offener Kanäle gesichert. Zwei Prozent der Rundfunkgebühr können demnach für die Förderung Offener Kanäle verwendet werden.
Auf der Grundlage dieser Regelung haben die Offenen Kanäle in Deutschland einen rasanten Siegeszug angetreten. (die aktuelle Zahl findet man unter http:// www.ok-dortmund.de/adressen.htm ). Allein im Pionierland Rheinland-Pfalz gibt es bereits 27 Offene Kanäle. "Früher habe ich viel Fernsehen gekuckt", meint etwa ein junger Arbeiter in Dortmund. "Jetzt kucke ich kaum noch Fernsehen, ich mache Fernsehen."

Ergänzung des dualen medialen System

Mit der Einführung der Offenen Kanäle wird dem Grundrecht auf Freiheit der Meinungsäußerung, das für alle gilt, Rechnung getragen. Offene Kanäle sind demnach die unverzichtbare dritte Säule, die das duale System aus öffentliche-rechtlichen und kommerziell-privaten Sendeanstalten ergänzt.
Auch in anderen europäischen Ländern haben die Offenen Kanäle inzwischen längst Einzug gehalten. So wurden in Schweden rund 30 lokale Offene Kanäle eingerichtet. Über die aktuelle Situation in Ländern wie Dänemark, Finnland, die Niederlande, Großbritannien und Irland informiert http://www.openchannel.se/vat bzw. der dachverband "Open Channels for Europe (http://www.openchannel.se/euro/index.htm .

Projekt Offener Kanal Wien

In Österreich war derlei bis jetzt noch Zukunftsmusik: Angesichts des deutlich zeitverzögerten heimischen TV-Markts auch kein Wunder. Doch das soll ab 2003 anders werden. Die Initiative dafür hat die Bundeshauptstadt Wien übernommen wo der "Offene Kanal" als Teil einer gemeinsamen Projektreihe der Wiener Grünen mit der Wiener SPÖ initiiert worden ist. Der Verein "Arbeitskreis Offene Kanäle Österreich" (http://www.offenerkanal.at/ ) wurde damit beauftragt, in einem ersten Schritt eine Machbarkeitsstudie zu erarbeiten, in der die Möglichkeiten für einen Offenen Kanal in Wien sondiert und die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen erforscht werden (http://www.ok-wien.at/ ).
Die Studie liegt inzwischen vor. Anders als in Deutschland, wo Offene Kanäle vor allem über die Rundfunkgebühren finanziert werden, soll demnach der Kanal Wien in einer ersten Phase von der Stadt Wien gefördert werden. Um die Kernkompetenz eines Offenen Kanals abzudecken, wird von den Studienautoren Johannes Schütz (Obmann des Vereins "Arbeitskreis Offene Kanäle Österreichs), Alf Altendorf (Mitbegründer von TIV) und Robert Stachl (Radio Orange) ein Betrag von rund 600.000 Euro bis 900.000 Euro veranschlagt, In der zweiten Phase müsste dann aber ein Bundesgesetz die weitere Finanzierung regeln.

Gründe für Einrichtung von Offenen Kanälen

Die Gründe, die für die Einrichtung Offener Kanäle in Österreich sprechen, werden von den Studienautoren eingehend analysiert. An erster Stelle nennen sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit im Informationszeitalter. Medienkompetenz sei demnach zu einer Schlüsselqualifikation geworden, die es zu fördern gelte. Offene Kanäle ließen sich hier mit Gewinn einsetzen. Besonders gut könnte damit die wichtige Zielgruppe Kinder und Jugendliche erreicht werden. So wurden etwa in Deutschland erfolgreiche Projekte in Zusammenarbeit mit Schulen entwickelt. Österreich, so die Autoren, habe bisher auf Offene Kanäle verzichtet - und müsse sich bereits heute strukturelle Nachteile in Ausbildung, Weiterbildung und ganz allgemein der Qualifizierung der Bevölkerung eingestehen.
Informationsvermittlung: Die Kenntnis von Recherchetechniken sei in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Kriterium der Qualifikation geworden. In Offenen Kanälen könne die nötige Kompetenz vermittelt werden. Dies geschehe im Rahmen praktischer Projektarbeit, die zunehmend ein bedeutsames didaktisches Modell im Zeichen einer neuen Wissenskultur darstelle.
Verringerung der Wissenskluft: Einer Untersuchung des IMAS-Instituts aus dem Jahr 2000 zufolge fühlen sich 54 Prozent der Österreicher durch die rasante Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien überfordert. Offene Kanäle seien hier ein idealer Ort der Vermittlung, der auch sozialen Randgruppen eine Chance gebe.
Medienpädagogische Ziele: Die größere Transparenz des Mediums, die sich den Nutzern der Offenen Kanäle biete, führe laut Studie nachweislich zu Emanzipationseffekten beim Fernsehkonsum und fördere die soziale Integration. Das gelte für alle Randgruppen, auch für Langzeitsarbeitslose, die im Offenen Kanal neues Selbstvertrauen und eine bessere Darstellungsweise erlangen könnten.
Interkulturelle Prozesse: Sprachliche Minderheiten fänden im Offenen Kanal ein Forum. Offene Kanäle seien ein idealer Katalysator um Toleranz und Verbundenheit zwischen den verschiedenen Sprachgruppierungen zu fördern. Dies gelte nicht zuletzt auch für grenzüberschreitende Kooperationen zwischen mehreren Ländern.
Verbesserung der Kommunikationsstrukturen: Die Architektur der urbanen Ballungsräume und die Anonymität in den Großstädten verlangten nach neuen Kommunikationsstrukturen. Die Revitalisierung des Dorfplatzes, davon sind die Studienautoren Schütz, Altendorf und Stachl überzeugt, könne nur in Kontaktzentren gelingen, die den Ansprüchen in der modernen Mediengesellschaft genügten. Offene Kanäle verbesserten die Nachbarschaftskommunikation.
Demokratisierungseffekte und politische Bildung: Politische Bildung diene der Ausbildung eines reifen Demokratieverständnisses. Der Offene Kanal könne zu einem Katalysator in der Entwicklung von politischem Interesse werden - und politische Bildung erhielte so ein neues Gesicht.
Offene Kanäle als Motivation: Durch den Einsatz Offener Kanäle ergäben sich zahlreiche Multiplikatoreffekte, etwa bei Aktivitäten von Vereinen. Offene Kanäle seien ebenso eine Chance für junge Künstler, Theatergruppen, Literaten, um ihre Werke in der Öffentlichkeit des Nahbereichs vorzustellen. Schließlich habe der Offene Kanal Fernsehen einen wesentlichen Vorzug gegenüber dem Medium Radio. Video, das von der Bildsprache dominiert wird, sei für einen größeren Prozentsatz der Bevölkerung attraktiv und damit auch didaktisch einsetzbar. Radio hingegen lebe von der verbalen Artikulation, was oftmals zu Hemmschwellen und Problemen führe und damit den Nutzerkreis massiv selektiere - sieht man von Sendungen ab, in denen ausschließlich Musik abgespielt werde. Unser gesellschaftliches Umfeld aber sei nun einmal vom Bildmedium Fernsehen geprägt, so dass eine medienpädagogische Arbeit primär hier anzusetzen habe.

Vorläufer webfreetv

Die Idee "Fernsehen von und für die Bewohner einer Stadt" wurde in Wien schon vor zwei Jahren - für TV im Internet - von webfreetv.com aufgegriffen. Usern wurde dabei das Studio im Flagshipstore auf der Mariahilferstraße gratis zur Verfügung gestellt. Interessenten erhielten die Möglichkeit, 20 Minuten Rohmaterial mit Hilfe eines Kamermanns aufzunehmen (bis zu zwei Stunden) und anschließend mit einem Cutter einen Beitrag zu gestalten (bis zu drei Stunden). Der fertige Clip in einer Länge von 3 bis 4 Minuten konnte dann auf dem Themenkanal YOUR TV ausgestrahlt und von allen Usern weltweit gesehen werden.
Das Projekt scheiterte aber - in erster Linie wohl wegen des Mediums - TV im Internet - und wegen der von den Betreibern zu eng gesteckten Produktionszeiträume.
Es gibt allerdings im Kleinen schon einen "Offenen Kanal" in Wien, der auf ein Projekt in einem Wiener Gemeindebau beschränkt ist: Das "Wohnpark TV" in Alt Erlaa, eine Art "Bassena-Fernsehen", das über Telekabel eingespeist ist.

Zur Struktur Offener Kanäle

Bei Offenen Kanälen handelt es sich um lokale Medien. Die Sendungen werden in einer Stadt, einem Stadtteil oder einer Gemeinde ausgestrahlt. Jeder, der innerhalb der jeweiligen Gebietsgrenzen wohnt oder arbeitet, hat demnach das Recht, dass seine Beiträge im Offenen Kanal ausgestrahlt werden.
Auch die Infrastruktur, die für die Produktion der Sendungen benötigt wird, wird gratis zur Verfügung gestellt - dazu gehören Videokameras, Schnittplätze, sowie - für Liveübertragungen - ein Studio mit Mehrkameratechnik und Bildregiepult. Kommunikationsassistenten stehen den Nutzern mit Rat und Tat zur Seite. Sie geben Hilfestellung bei technischen und dramaturgischen Fragen, nehmen aber keinen Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung. Die Verantwortung für den Inhalt einer Sendung verbleibt zur Gänze beim Nutzer. Selbstverständlich darf dabei nicht gegen bestehende Gesetze verstoßen werden. Kommerzielle Werbung ist untersagt, das Urheberrecht bei Bild und Ton ist zu beachten.
Größtmögliche thematische Offenheit ist beim "Bürgerfernsehen" oberstes Prinzip. Daher ist es zur Gänze den Vereinen, Organisationen und Bürgern vorbehalten, mit welchen Anliegen und Themen sie in die Öffentlichkeit treten wollen.
Ein noch ungelöstes Problem ist in diesem Zusammenhang die Haftung für das "Bürgerfernsehen", Üblicherweise haftet dabei der Produzent der Beiträge, während das österreichische Mediengesetz von der Haftung des Betreibers (Providers) ausgeht.
first come/first served
Im klassischen Modell des Offenen Kanals werden die Sendungen in der Reihenfolge des first come/first served - auch Warteschlangenprinzip genannt - ausgestrahlt. Dabei gibt es kein Programmschema und keine redaktionelle Entscheidung, sondern wer als erster einen fertigen Beitrag einreicht, kann auch als erster aus den noch freien Sendeplätzen wählen. Fallweise kann diese Regelung ergänzt werden - so ist es manchmal erwünscht, aktuelle Beiträge vorzuziehen oder für diese feste Sendezeiten einzurichten.
Studienautor Johannes Schütz plädiert für eine möglichst schlanke Struktur. Mit rund zehn ständigen Mitarbeitern sollte ein Offener Kanal betrieben werden können - am besten in der Organisationsform eines Vereins. Falls in der Anfangsphase dennoch die Stadt hier einspringen sollte, wäre jedenfalls auf strikte politische Unabhängigkeit zu achten.
Kontakt zum "Arbeitskreis Offene Kanäle Österreich" (AOKÖ): Veithgasse 4/4a, 1030 Wien (Obmann: Johannes Schütz) johannes.schuetz@offener-kanal.at .

Erschienen am: 08.08.2002

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