Im nächsten Jahr wird es wahrscheinlich den ersten Offenen Kanal im Wiener
Kabelnetz geben. Hausgemachtes Fernsehprogramm von Bürgern für Bürger. Seit
vielen Jahren setzt sich der Medienexperte und Theaterwissenschaftler Johannes
Schütz dafür ein, dass die Wiener endlich ihr eigenes Programm machen
können.

Text: Gabi Schultz
Fotos: Joe
Malina
Was sind Offene
Kanäle?
J. S. Offene Kanäle sind ein Angebot an alle
Menschen, die in einer Stadt leben und arbeiten, Fernsehsendungen selbst
herzustellen und zu gestalten. Die technische Infrastruktur wird kostenlos zur
Verfügung gestellt. Kameras und Schnittplätze können von jedem genutzt werden.
Auch die Ausstrahlung des fertigen Programms kostet nichts.
Wird es auch ein Studio geben?
J. S. Wir
wollen auch ein Studio für Live-Übertragungen mit Mehrkameratechnik und einem
Bildregiepult anbieten.
Wie sind Offene Kanäle
zu empfangen?
J. S. In der Regel werden Offene Kanäle
in ein bestehendes Kabelnetz eingespeist. In Deutschland sind die 70 Kanäle, die
seit Mitte der achtziger Jahre entstanden sind, im Kabelnetz zu empfangen. Wir
führen bereits Gespräche mit der Telekabel, die dem Projekt aufgeschlossen
gegenüber steht.
Und der Offene Kanal ist für
alle Menschen, die in Wien leben offen?
J. S.
Natürlich, jeder Bürger hat die Möglichkeit, sein eigenes Programm zu machen.
Zusätzlich will der Offene Kanal eine Plattform für sprachliche Minderheiten
sein, für sozial benachteiligte Gruppierungen. Auch haben hier alle kulturellen,
interkulturellen und sozialen Initiativen und Vereine, die Möglichkeit, ihre
eigenen Programme zu machen.
Könnte ein
Würstelstand-Besitzer auch seine eigene Sportsendung
moderieren?
J. S. Ja, natürlich, alles ist möglich. Es
gibt keine thematischen und formalen Beschränkungen. Wenn eine Familie mit ihren
Kindern jede Woche mit einer Komödie auf Sendung gehen möchte, kein Problem.
Selbstverständlich darf nicht gegen bestehende Gesetze verstoßen werden.
Kommerzielle Werbung ist untersagt, und bestehende Urheberrechte dürfen nicht
verletzt werden.
Werden die Menschen, die das
Angebot nutzen wollen, betreut?
J. S. Es werden
Medienassistenten zum Einsatz kommen, die den interessierten Bürgern die Technik
erklären und ihnen alles beibringen. Wir setzen keine Kenntnisse voraus. Wie
entwickele ich ein Programm? Wie gestalte ich es? Wie funktioniert die Technik?
Keine Frage wird unbeantwortet bleiben.
Offene
Kanäle findet man in vielen Ländern der EU. Wie ist die Idee
entstanden?
J. S. Offene Kanäle kennt man in den USA
seit 1971 unter dem Namen public access. Der Congress verabschiedete 1984 den
Cable Communication Policy Act, der die Kanäle als Instrument der
Meinungsfreiheit im Sinne der Verfassung definiert. In den USA gibt es zur Zeit
mehr als 2200 Offene Kanäle.
Wie sind die
Offenen Kanäle in Deutschland entstanden?
J. S. Das
Recht auf Freiheit der Meinungsäußerung, das in Artikel 5 des Grundgesetzes
geregelt ist, diente 1984 den Befürwortern des kommerziellen Rundfunks als
Argument für die Aufhebung des öffentlich-rechtlichen Monopols. Dieses Grundrecht
sollte aber für alle gelten. Deswegen initiierten deutsche Medienpolitiker
vier Kabelpilotprojekte, um die Akzeptanz Offener Kanäle festzustellen. Und
nach jahrelangen Verhandlungen unterzeichneten die Ministerpräsidenten der
einzelnen Bundesländer den Staatsvertrag zur Neuordung des Rundfunkwesens.
Wie wird der Offene Kanal in
Wien finanziert werden?
J. S. Eine Finanzierung über
die Rundfunkgebühren wäre natürlich ideal. Aber wir stehen hier noch am Anfang
der Verhandlungen. Ich glaube aber, dass wir eine reelle Chance haben, eine
Lösung zu finden. Die Stadt Wien steht auf jeden Fall hinter dem Projekt.
Immerhin geht es um die Vermittlung von Medienkompetenz. Langfristig wird zu den
drei Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, nämlich die Vermittlung von
Information, Unterhaltung und Bildung, ein vierte hinzukommen. Die Vermittlung
von Kompetenz im Umgang mit Medien und Kommunikation.
Warum?
J. S. Die neuen Medientechnologien
führen zu einer zunehmenden Vergrößerung der Wissenskluft in der Bevölkerung. Es
geht dabei nicht nur um Fähigkeiten im Umgang mit der Technik. Vielmehr geht es
um inhaltliche Fragen. Wie gehen Menschen mit der ungezügelten Informationsflut
um? Wie bewerten sie die verschiedenen Informationsquellen? Wie organisieren sie
ihr Leben in der Wissens- und Informationsgesellschaft? Offene Kanäle bieten
jedem Menschen die Möglichkeit, eigene Kompetenz zu entwickeln. Eigene Auswahl-
und Beurteilungskriterien zu finden.
Wieviel
Budget braucht ein Offener Kanal in Wien?
J. S. Nach
vorsichtigen Schätzungen könnte ein Offener Kanal in Wien mit einem jährlichen
Budget in Höhe von 600.000 Euro den Sendebetrieb aufnehmen. Der Kanal in Hamburg
bekommt zum Beispiel 850.000 Euro, der Kanal in Berlin 900.000
Euro.
Wird es Kooperationen mit anderen Kanälen
geben?
J. S. Wie die Erfahrungen aus anderen Ländern
zeigen, bieten Offene Kanäle ein ideales Forum für Kontakte. Der Arbeitskreis
will nicht nur die verschiedenen kulturellen und sprachlichen Gruppierungen, die
in Österreich leben, in Kontakt miteinander bringen, sondern auch international
kooperieren. Eine Zusammenarbeit mit dem Offenen Kinderkanal in Gera (Thüringen)
ist geplant. Auch möchten wir langfristig mit Initiativen aus Osteuropa
gemeinsame Projekte realisieren.
Glauben Sie,
dass berufstätige Menschen nach einem langen Arbeitstag noch Lust haben, ihr
schöpferisches Potential zu entfalten?
J. S. Manche ja,
manche nein. Die Akzeptanz Offener Kanäle in europäischen Ländern und in den USA
hat gezeigt, dass offensichtlich viele Mensch dazu Lust haben. Letztendlich geht
es doch um die Frage: Was mache ich in meiner Freizeit? Was macht mir Freude?
Die einen gehen ins Wirtshaus oder ins Kino, und dann gibt es Menschen, die mit
viel Enthusiasmus ihr eigenes Fernsehprogramm machen.
Mehr Infos unter http://www.offener-kanal.at/
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