Wider die „nützliche“ Apathie –

Der Offene Kanal als Instrument zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse

 

Es gilt in der Kommunikationswissenschaft mittlerweile als „State of the Art“, dass Massenmedien, wie wir sie heute erleben und rezipieren, lediglich eine Konstruktion von Wirklichkeit vermitteln, die keinesfalls mit der Realität „schlechthin“ gleichzusetzen ist.  Glaubt man den Ausführungen von Paul Watzlawick, so ist eine objektive Betrachtung von Realität auch unmöglich, da jede Darstellung von Wirklichkeit lediglich die Deutung eines Subjekts, also die, durch Sozialisation geprägte, Interpretation von Ereignissen ist.

 

Hier manifestiert sich ganz klar eine Problematik unserer heutigen Medien- und Informationsgesellschaft: Der/die RezipientIn sieht sich mit einer Vielzahl von medial vermittelten Meinungen konfrontiert, die obendrein nicht immer mit der Intention produziert wurden, die Welt, wie sie ist, abzubilden. Dadurch entsteht ein schwerwiegendes Problem: Nicht nur, dass die Darstellung der Realität grundsätzlich unmöglich ist, wird der Medienkonsument auch noch Opfer einer Suggestionsstrategie, die beispielsweise von ökonomischen (möglichst hohe Auflage, mehr Presseförderung = „Regulatory Capture“), aber auch von politischen und ideologischen Interessen geleitet sein kann.

 

Der Journalist hat in diesem Prozess eine Machtposition inne, die David Manning White sehr treffend als „Gatekeeper“ – Funktion charakterisierte. Diesem Ansatz zufolge ist der Journalist ein Individuum mit einer eigenen Meinung und speziellen Wertvorstellungen, die allesamt die Auswahl von Themen beeinflussen.

 

Nun wissen wir, dass in der heutigen Zeit nicht nur die Prädispositionen eines Redakteurs eine Rolle bei der Auswahl von Nachrichten spielen. Gerade die Ökonomisierung des Informationssektors führte dazu, dass in einem Massenmedium nichts mehr dem Zufall, oder besser gesagt dem Einstellungskonglomerat eines Journalisten, überlassen wird. Redaktionen sind laut Gertrude Robinson in „Nachrichtenbürokratien“ eingebettet, welche die Berichterstattung unter Einbeziehung unterschiedlichster Kriterien beeinflussen. Ein noch immer sehr relevanter Ansatz, der diese Problematik thematisiert und ohne weiteres als „Klassiker“ der Kommunikationswissenschaft bezeichnet werden kann, ist Einar Östgaards Theorie von den „Nachrichtenfaktoren“ aus dem Jahr 1965. Diese besagt, dass die Publikationswürdigkeit eines Ereignisses nach ganz bestimmten Kriterien festgestellt wird:

 

1.)    Einfachheit

2.)    Identifikation

3.)    Sensationalismus

 

Dieser Ansatz ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Erstens kann so die systematische Auswahl von Nachrichten nach ganz logischen Kriterien nachvollzogen werden. Zweitens deutet Östgaard an, dass die Nachricht ein ökonomisches Gut ist, das ebenfalls der Gewinnmaximierung dienen soll. Er greift damit einer Entwicklung vor, die Anfang der 80er Jahre mit der Liberalisierung des europäischen Rundfunksektors ganz klar sichtbar wurde.

Die kulturellen Güter mutieren zum Wirtschaftsfaktor: Eine ernüchternde Erkenntnis.

 

Doch welche Rolle spielt der/die RezipientIn in diesem Gefüge? Warum konsumiert er/sie mediale Inhalte und gibt sich mit dem Gebotenen zufrieden?

 

Gehen wir davon aus, dass es sich bei den Medienkonsumenten um ein aktives Publikum handelt, das bewusst die Sendeinhalte wählt, um einen bestimmten Nutzen zu gewinnen. Dank der Publikumsforschung, die diesem Zugang zugrunde liegt, sind einige massenmediale Leistungen bekannt, die eine Gratifikation für die Rezipienten darstellen.

 

So nutzen viele Menschen die Medien zur Ablenkung, um persönlichen Problemen oder auch der Langeweile zu entkommen („Eskapismus“). Ein anderes Motiv für Mediennutzung ist das Bedürfnis, die Umwelt zu kontrollieren, also sämtliche Neuigkeiten aus dem Weltgeschehen zu erfahren.

 

Ein ganz wesentlicher Faktor ist auch das Bedürfnis nach sozialen Beziehungen. So absurd es klingen mag: Viele Rezipienten gehen „quasisoziale Beziehungen“ (Teichert 1973) mit medialen Akteuren ein, um Defizite des Alltags zu kompensieren. Dieses Phänomen betrifft vor allem jene Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen beziehungsweise vereinsamt leben.

 

Die soziale Nutzbarkeit beschränkt sich aber nicht auf eine reine Kompensationsfunktion. Medien liefern auch Gesprächsstoff und sind damit ein bestimmender Faktor der zwischenmenschlichen Interaktion. Eine wichtige Gratifikation ist auch die Identitätsbildung. Massenmedien sind, neben der Familie, zu einer ganz wesentlichen Sozialisationsinstanz geworden, die maßgeblich in den Prozess der sozialen Entwicklung eingreift. Daraus resultiert ein stark unterschätztes Machtpotential, das nur selten mit der angemessenen Verantwortung gehandhabt wird.

 

An dieser Stelle ist es nun angebracht, den Offenen Kanal ins Spiel zu bringen. Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen die eben erläuterten Bedürfnisse und Erwartungen an Medien haben, die medialen Produkte jedoch aus den unterschiedlichsten Gründen verfälscht sind, stellt sich schon die Frage, warum die Rezipienten auf die ihnen nahe Realität, und damit auch auf eigene Medialität, verzichten sollen.

 

Wäre es aus psychosozialer Sicht nicht erstrebenswert, wenn ein einsamer Mensch nicht in eine fernsehgesteuerte „Reality TV“-Traumwelt, sondern in ein offenes Medienzentrum flüchtet, um dort soziale Kontakte zu knüpfen, mit deren Hilfe eine mediale Darstellung der früheren Isolation möglich wird?

 

Wäre es nicht vernünftiger, wenn nicht eine Daily Soap Alltagsprobleme wie Rassismus oder Arbeitslosigkeit in sterilem Ambiente thematisiert, sondern ein Format, das diskriminierten Bevölkerungsschichten ein Forum für authentische Berichterstattung gibt?

 

Wäre es nicht pädagogisch erstrebenswert, wenn sich Kinder und Jugendliche nicht an gecasteten, Perfektionismus verkörpernden, TV-Stars, sondern an Initiatoren von jungen und kreativen Kulturinitiativen orientieren?

 

Und wäre es nicht einmal interessant, wenn nicht nur die vermeintliche Ausgewogenheit der Nachrichtensendung „Zeit im Bild“, sondern auch kontroversielle und politisch vielschichtige Beiträge im Fernsehen vorkommen?

 

Und das alles dank der eigenen Kreativität der Bürger.

 

Der Offene Kanal brächte so eine Vielfalt, die zwar den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht ersetzt, aber dennoch eine unschätzbare Bereicherung für eine demokratische, heterogene und selbstreflektierende Gesellschaft darstellen würde.

 

In diesem Sinne: Machen wir unser Fernsehen selbst! 

 
Fabian Burstein
 

© Arbeitskreis Offene Kanäle Österreich 2003