Kreativität spüren:

Der Offene Kanal als ein Mittel zur Selbstwerdung

 

Der Weg zur Selbstfindung bei C. G. Jung

 

Schöpferische Tätigkeit besitzt in der analytischen Psychologie nach Carl Gustav Jung einen hohen Stellenwert. Sie unterstützt den Weg zur Selbstwerdung des Menschen. Diese Individuation ist das zentrale Anliegen der Jungschen Psychologie. Es soll eine reife Persönlichkeit entstehen, in die auch Bereiche integriert sind, die üblicherweise unbewußt bleiben. Dieser Prozeß beginnt mit der Ablegung der sogenannten Persona, die eine Maske darstellt, die das wahre Wesen verbirgt. Ehre, Macht, Reichtum, Ruhm zählen zu den Ausdrucksformen der Persona. Das Haften an Sozialprestige und Statussymbolen würde man es heute wohl eher nennen. Wer sich davon befreit, kann in tiefere Schichten der Persönlichkeit vordringen, findet zu Anima und Animus, was letztlich eine Auseinandersetzung mit den Geschlechterbeziehungen bedeutet, mit dem Ziel als Mann auch weibliche Qualitäten und als Frau männliche Eigenschaften in sich zu aktivieren. Der Individuationsweg führt weiters zur Konfrontation mit Schattenbereichen und zur Erfahrung vielschichtiger Archetypen.

 

Zur Förderung des Individuationsprozesses verwendete Jung die Traumarbeit und das von ihm entwickelte Verfahren der aktiven Imagination, das der Methode des automatischen Schreibens der Surrealisten durchaus ähnlich ist. Er regte aber auch mit den unterschied­lichsten Formen der kreativen Gestaltung wie Malen, Dichten, Bauen mit Steinen dazu an.  

 

Erich Neumann, ein Nachfolger Carl Gustav Jungs, betonte mehrfach, daß seine Forschungen einer Kulturtherapie dienen sollen. Neumann diagnostizierte als eines der verhängnisvollsten Probleme unserer modernen westlichen Gesellschaftsform, daß sie den Menschen vom Schöpferischen entfernt: somit "steht unsere Kultur vor der Notwendigkeit, Bewußtsein und Schöpferischkeit gleichzeitig ... zu entwickeln" [1] . Die Maltherapie in der Tradition von Carl Gustav Jung verfolgt diese Ziele. In der vorliegenden Literatur ist man in diesem Zusammenhang auf den Begriff der „Therapie“ fixiert. Verstehen wir diesen im etymologischen Sinn als „Dienst“, so nähern wir uns der eigentlichen Bedeutung. Wird doch Transformation und die Entfaltung des menschlichen Vermögens gesucht. Korrekter wäre es deshalb, von "Malmethode" zu sprechen.

 

 

Kreatives Wirken als Heilung bei Depressionen

 

Schöpferische Tätigkeit hebt grundsätzlich das Selbstwertgefühl [2] . Die Jungsche Analytikerin Ingrid Riedel dokumentierte ihre Arbeit mit kreativem Malen und bemerkte, daß es heilsam im Falle von Depressionen wirkt, die gerade aus mangelnder Gestaltung bzw. mangelndem Vertrauen zur eigenen Gestaltung resultieren [3] . Der Zusammenhang mit der Erfahrung entfremdeter Arbeitsbedingungen ist offensichtlich. Wir können aber annehmen, daß auch übermäßiger Fernsehkonsum die depressive Neigung forciert, da der Zuseher passiviert und seine Libido abgezogen wird, die sich den faszinierenden Bildern des Mediums zuwendet. Wenn er dann aus dem Bilderrausch er­wacht, steht er in der Leere seines persönlichen, ungestalteten Alltags. Er fand seine Identität in der Projektion auf die Akteure des Filmgeschehens - und bekommt schließlich zu spüren, daß er bloß eine Seifenblase beobachten konnte.

 

Nach den Erfahrungen von Ingrid Riedel sind die Gesetze bildnerischen Gestaltens, die Strukturierung und Komposition von Farben und Formen in sich selbst therapeutisch wirksam. Das Zeigen des Bildes, das Besprechen mit dem Therapeuten und in der Malgruppe löst dann noch eine zusätzliche Verstärkung der positiven Gefühle aus [4] . Diese Beobachtungen erhöhen den Stellenwert der Kommunikationsassistenten, die in den Offenen Kanälen die Nutzer betreuen. Gerade indem sie non-direktiven Verfahren verbunden sind, aber Interesse für die Arbeiten der Nutzer des Offenen Kanals zeigen, können sie günstige Effekte stützen [5] .

 

Der Vorzug einer Videoarbeit, wie sie im Offenen Kanal geschieht, gegenüber dem kreativen Malen besteht in der Fähigkeit des Mediums, komplexe Verknüpfungen darzustellen. Durch die Montage können Kausalität, Finalität und Zusammenhänge ausgedrückt werden. Handlungen, Orte oder Personen, die scheinbar voneinander getrennt sind, werden so miteinander verbunden. Zoom oder Großaufnahme weisen Objekten und Personen besondere Bedeutung zu. Es ist damit dieselbe Dramaturgie wie im Traumerleben möglich, was ja auch zur Traummetapher in der Film- und Kinotheorie führte [6] . Außerdem ergibt sich die Möglichkeit des authentischen Selbstportraits: man kann sein eigenes Verhalten durch die Kamera besser erkennen, die Selbsterfahrung erfolgt praktisch durch den Blick in den Spiegel [7] .

 

Als besonders fruchtbarer Faktor Offener Kanäle erweist sich, daß neue Kommunikationsstrukturen entstehen. Der Produzent erlebt die Reaktionen des Publikums, das ja aufgrund des lokalen Charakters der Offenen Kanäle im Nahbereich wohnt. Sein Beitrag erhält durch die Ausstrahlung im Fernsehen eine höhere Wertigkeit. Wie wichtig diese Veröf­fentlichung für eine Stärkung des Selbstwertgefühls ist, zeigen Untersuchungen, in denen Arbeitslose über ihre Lebenssituation befragt wurden. Diese erklärten, daß sie gerne Fernsehsendungen machen würden, weil nur dann die Chance auf eine vernünftige Aufklärung über alle Seiten ihrer Problematik besteht [8] . Dieses Bedürfnis ist nicht verwunderlich, ist doch seit der klassischen Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal [9] ausreichend bekannt, daß man nicht nur die materielle Versorgung der Betroffenen beachten, sondern auch für deren seelische Betreuung sorgen muß, will man Desintegrationseffekte verhindern. Offene Kanäle können für Randgruppen zu einem wichtigen Instrument der sozialen Verbundenheit werden.

 

Der kreative Zyklus beinhaltet allerdings das Auftreten einer Inkubations­phase, während der der Schaffende einer besonderen Spannung unterliegt, an der er auch zerbrechen kann. Ingrid Riedel schildert in einem Fallbeispiel einen Maler, der in diesem Stadium regelmäßig Zuflucht zum Alkohol nahm, was selbstverständlich den kreativen Impuls zerstört [10] . Analog dazu möchte ich auf der Basis eigener Beobachtungen die These vorschlagen, daß in dieser Phase der Anspannung auch die Hinwendung zu einem überhöhten Fernsehkonsum stattfinden kann, der ebenfalls destruktiv auf die schöpferische Umsetzungsfähigkeit wirkt und in der Folge eine depressive Grundstimmung auslöst.

 

 

Zuflucht vor dem Wertvakuum

 

Carl Gustav Jung führte aus, daß die Entwertung der religiösen Symbole die schwere Krise unserer Kultur bewirkte. Jedoch erkannte er darin einen tieferen Sinn, denn die Bilder der Religionen heben nicht nur die Urerfahrungen der Menschheit auf, sondern gewähren gleichzeitig Schutz vor der Konfrontation mit den unheimlichen Tiefen der lebendigen Seele. Die Symbole verstellen so den Weg zum eigenen Erleben und verhindern die Individuation. Da der Bezug zum eigentlichen Gehalt der Symbole aber im Laufe der historischen Entwicklung verschwand, wurden sie dem Betrachter bedeutungslos und er steht vor einer schreckli­chen Leere. Gerade damit wäre der Weg eröffnet zu einem unmittel­baren Erleben der eigenen Seelenwelt. Jung ermahnte allerdings, daß man in diesem Vakuum nicht gleich wieder der Faszination "indischer Theaterkönige" anheim­fallen solle, was er als Metapher für noch unverbrauchte religiöse Symbole anderer Kulturen gebrauchte. Das würde abermals die Wendung nach innen und folglich die Selbstwerdung verhindern [11] .

 

Carl Gustav Jung wußte damals noch nicht, wie obsessiv die Menschen Zuflucht vor dieser entstandenen Leere in den Produkten der Kulturindustrie suchen würden. Während aber durch das kreative Malen die ursprüngliche Funktion der Bilder als angstbannend hervortritt [12] , müssen die Bilder von Film und Fernsehen oft als angststimulierend bzw. -evozierend beurteilt werden, was durch formale Ent­wicklungen, die Beschleunigung des Geschehens durch den raschen Bildwechsel etc., verstärkt wird. Hertha Sturm untersuchte diese Tendenzen unter dem Begriff der "medienspezifischen Kurzfristigkeiten" und konstatierte in diesem Zusammenhang die Auslösung von emotionalem Streß [13] .

 

Wir wissen durch Carl Gustav Jung, daß das Gold, das die Alchemisten scheinbar  suchten, ein Symbol ist für die Individuation des Menschen. Stellt man unter den herrschenden Bedingungen eine Kulturdiagnose, so ist man gezwungen, von einem gesellschaftlichen Laboratorium der Gegenalchemie zu sprechen, im Sinne einer herbeigeführten Selbstentfremdung des Menschen, die als Prozeß der Anti-Individuation einzustufen ist. Alexander Kluge versuchte bereits Vermutungen in dieser Richtung. Er fürchtete, daß die Industrialisierung der Kultur einen verheerenden ökologischen und gattungsgeschichtlichen Eingriff auslöst: „die Abtrennung des Denkens vom Leben“ [14] . Seine Analyse steht noch in der Tradition der Bewußtseinsindustrie Enzensbergers. Denn man muß ergänzen, daß es nicht nur die Denkfunktion gibt, vielmehr unter den Bedingungen der Kulturindustrie noch viel stärker die Psyche vom Bewußtsein getrennt wird. 

 

Gerade im 20. Jahrhundert wurde die Bewußtwerdung auf einer breiten, kollektiven Basis vorangetrieben, wobei es aber auch zu schreckenerregenden Regressionen kam. Die entstandene Dominanz der Kulturindustrie ist ebenfalls gleichbedeutend mit einem Rück­fall des Bewußtseins. Man muß die Aufgabe von Kulturpartizipation und Offenem Kanal innerhalb dieser umfassenderen Perspektive wahrnehmen. Im Mittelpunkt sollte ein Kulturbegriff stehen, der letztlich die Verwirklichung einer neuen Volkskultur sucht [15] , in der jeder Mensch seine schöpferischen Fähigkeiten selbstheilend entfalten kann.

 

Johannes Schütz

 

 

© Arbeitskreis Offene Kanäle Österreich 2001




[1] Erich Neumann, Der schöpferische Mensch (Zürich: Rhein-Verlag, 1959), 109. Vgl. zu dieser Problematik auch Erich Neumann, Kunst und schöpferisches Unbewußtes (Zürich: Rascher, 1956), 81 - 97.

[2] Vgl. Verena Kast, Kreativität in der Psychologie von C. G. Jung (Diss. Zürich: Juris, 1974),  92, 113,  120,  126

[3] Ingrid Riedel: Maltherapie: Eine Einführung auf der Basis der analytischen Psychologie von C. G. Jung (Stuttgart: Kreuz, 1992), 299

[4] Ingrid Riedel, op. cit., 29.

[5] Zur non-direktiven Methode vgl. Carl R. Rogers, Die nicht-direktive Beratung (Frankfurt/Main: Fischer, 1985) und Carl R. Rogers, Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie (Frankfurt/Main: Fischer, 1983).

[6] Vgl. u. a. Uwe Gaube, Film und Traum: Zum präsentativen Symbolismus, (München: Fink, 1978). Andreas Rost: Von einem der auszog das Leben zu lernen. (München: Trickster, 1990).

[7] Walter Benjamin antizipierte dies. Vgl. Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1963),  27 - 30.

Eine Methode der Umsetzung beschreibt Ralf Schnell, „Video-Arbeit in der Lehrstückpraxis“, Assoziales Theater: Spielversuche mit Lehrstücken und Anstiftung zur Praxis, hg. Gerd Koch, Reiner Steinweg und Florian Vaßen, 192 – 195.

[8] Jürgen Prott, "Die Bedeutung des Fernsehens im Alltag von Arbeitslosen", Media-Perspektiven, H. 6 (1986), 408.

[9]   Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1980.

[10] Vgl. Ingrid Riedel, op. cit., 87ff.

[11] Carl Gustav Jung, "Über die Archetypen des kollektiven Unbewußten", Gesammelte Werke (Olten: Walter, 1976), 9/1, 22 - 25.

[12] Ingrid Riedel, op. cit., 298.

[13] Hertha Sturm, "Programmausweitungen: Das Problem sind die Kinder", Media-Perspektiven, 9 (1980), 624. Vgl. auch Hertha Sturm, Fernsehdiktate: Die Veränderung von Gedanken und Gefühlen (Gütersloh: Bertelsmann Stiftung, 1991), 113ff.

Hertha Sturm: Der gestreßte Zuschauer: Folgerungen für eine rezipientenorientierte Dramaturgie. Stuttgart: Klett-Cotta, 2000.

Joanne Cantor: „Fright Reactions to Mass Media“, Media Effects: Advances in Theory and Research. Hg. Jennings Bryant, Dolf Zillmann (Hillsdale, New Jersey: Lawrence Erlbaum Associates, 1994), 213 – 245.

[14] Alexander Kluge: „Die Macht der Bewußtseinsindustrie und das Schicksal unserer Öffentlichkeit. Zum Unerschied von machbar und gewalttätig“, Industrialisierung des Bewußtseins: Eine kritische Auseinandersetzung mit den „neuen“ Medien, hg. Klaus von Bismarck (et. al.), 51 – 129, 124f.

[15] Theodor W. Adorno stellte ausdrücklich der Kulturindustrie eine neue Volkskunst gegenüber, die sich von dieser auf das Deutlichste unterscheidet. Siehe Theodor W. Adorno: „Résumé über Kulturindustrie“, Ohne Leitbild: Parva Aesthetica (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1967), 60.