Zur Bedeutung Offener Kanäle für Österreich

 

 

 

 

1970 achtete man auf Verkehrsknotenpunkte. Zur Jahrtausendwende gelten neue Werte:

Man spricht von Kommunikationsknoten und Medienlandschaften. Offene Kanäle sind wichtig für ein Land. Hier wollen wir nur kurz eine Auswahl an positiven Wirkungen darstellen:

 

 

·      Internationale Wettbewerbsfähigkeit im Informationszeitalter

 

Medienkompetenz ist zu einer Schlüsselqualifikation geworden, die es zu fördern gilt. In Deutschland werden dafür bewußt die Offenen Kanäle eingesetzt. Kinder und Jugendliche sind eine wichtige Zielgruppe. So gab es Projekte in Zusammenarbeit mit Schulen (gut dokumentiert insbesondere für das Saarland und für Schleswig-Holstein), der Offene Kanal in Gera (Thüringen) entwickelte ein spezielles Konzept für einen Offenen Kinderkanal. Europareife im Medienbereich wird sich an solchen Arbeiten orientieren müssen. Österreich hat bisher auf Offene Kanäle verzichtet – und muß sich bereits heute strukturelle Nachteile gegenüber der Bundesrepublik Deutschland und anderen Ländern der „Open Channels for Europe“ in Ausbildung, Weiterbildung und ganz allgemein der Qualifizierung der Bevölkerung eingestehen.

 

 

·      Informationsvermittlung in der Wissensgesellschaft

 

Die Kenntnis von Recherchetechniken wurde in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Kriterium der Qualifikation. In Offenen Kanälen kann die nötige Kompetenz vermittelt werden. Dies geschieht im Rahmen praktischer Projektarbeit, die zunehmend ein bedeutsames didaktisches Modell im Zeichen einer neuen Wissenskultur darstellt.

 

 

·      Verringerung der Wissenskluft

 

Unter dem Begriff des Digital Gap wird das Anwachsen der Wissenskluft in der Epoche der neuen Medien untersucht. Das Linzer Meinungsforschungsinstituts IMAS führte im Dezember 2000 eine Umfrage durch, die die Notwendigkeit von Maßnahmen zur Förderung von Medienkompetenz bestätigte: 54 Prozent der Österreicher fühlen sich durch die rasante Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien überfordert. Offene Kanäle sind ein Ort der Vermittlung, der auch sozialen Randgruppen eine Chance gibt. Das Bestehen in der Mediengesellschaft darf nicht an eine soziale und finanzielle Selektion gebunden sein.

 

 

·      Medienpädagogische Ziele

 

Die größere Transparenz des Mediums, die sich den Nutzern der Offenen Kanäle bietet, führt nachweislich zu Emanzipationseffekten beim Fernsehkonsum.

 

 

·      Soziale Integration

 

Offene Kanäle eignen sich besonders als Instrument der sozialen Integration. Dies gilt für alle Randgruppen, auch für Langzeitsarbeitslose, die im Offenen Kanal neues Selbstvertrauen und eine bessere Darstellungsweise erlangen können. Seit der klassischen Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ ist ausreichend bekannt, daß man nicht nur die materielle Versorgung der Betroffenen beachten, sondern auch für deren seelische Unterstützung sorgen muß, will man Desintegrationseffekte verhindern.

 

 

·        Interkulturelle Prozesse

 

Sprachliche Minderheiten finden im Offenen Kanal ein Forum. Offene Kanäle sind ein idealer Katalysator um Toleranz und Verbundenheit zwischen den verschiedenen Sprachgruppierungen zu fördern. Dies gilt auch für grenzüberschreitende Kooperationen zwischen mehreren Ländern. Ein Beispiel dafür: die Zusammenarbeit zwischen Offenen Kanälen in Rheinland-Pfalz mit dem französischen Bürgerfernsehen in der Nachbarregion Bitche.

 

 

·      Verbesserung der Kommunikationsstrukturen

 

Die Architektur der urbanen Ballungsräume und die Anonymität in den Großstädten verlangen nach neuen Kommunikationsstrukturen. Die Revitalisierung des Dorfplatzes kann nur in Kontaktzentren gelingen, die den Ansprüchen in der modernen Mediengesellschaft genügen. Offene Kanäle verbessern die Nachbarschafts-kommunikation. In Wien wären diesbezüglich auch die neuen Siedlungsgebiete besonders zu berücksichtigen, etwa im 22. Bezirk (Aspern, Stadlau, Kaisermühlen).

 

 

·      Demokratisierungseffekte und politische Bildung

 

Politische Bildung dient der Ausbildung eines reifen Demokratieverständnisses. Dazu ein Beispiel aus Kiel: Schüler des Informatikkurses eines Gymnasiums erarbeiteten die Hochrechnung zu den Landtagswahlen und präsentierten diese in einer Live-Sendung im Offenen Kanal. Sie kamen dem späteren Endergebnis überraschend nahe. Der Offene Kanal wurde hier zu einem Katalysator in der Entwicklung von politischem Interesse - und politische Bildung erhält ein neues Gesicht.

 

 

·      Offene Kanäle als Motivation

Durch den Einsatz Offener Kanäle ergeben sich zahlreiche Multiplikatoreffekte, etwa bei Aktivitäten von Vereinen.

 

 

·      Förderung der Künste

 

Offene Kanäle sind ebenso eine Chance für junge Künstler, Theatergruppen, Literaten, um ihre Werke in der Öffentlichkeit des Nahbereichs vorzustellen.

 

 

·      Förderung der Artikulation

 

Der Offene Kanal Fernsehen hat einen wesentlichen Vorzug gegenüber dem Medium Radio. Video, das von der Bildsprache dominiert wird, ist für einen größeren Prozentsatz der Bevölkerung attraktiv und damit auch didaktisch einsetzbar. Radio hingegen lebt von der verbalen Artikulation, was oftmals zu Hemmschwellen und Problemen führt und damit den Nutzerkreis massiv selektiert. (Wenn man von Sendungen absieht, in denen ausschließlich Musik abgespielt wird).

 

Oskar Negt und Alexander Kluge analysierten in „Öffentlichkeit und Erfahrung“ auch die Problematik der Sprachbarrieren, die für die Mehrheit der Bevölkerung gegeben ist. Die Tauglichkeit des Mediums Video, das dann selbstverständlich auch zu einer Schulung des sprachlichen Ausdrucks führen kann, läßt sich anhand von Projektdokumentationen belegen. Erinnert sei hier nur an „Arbeiter machen Fernsehen“ der Videoinitiative Graz. Abgesehen davon ist unser gesellschaftliches Umfeld stark geprägt vom Bildmedium Fernsehen, so daß eine medienpädagogische Arbeit primär hier ansetzen muß.

 

 

·        Offene Kanäle als Breitensport und Gesundheitssport

 

Man kann auch folgenden Vergleich ausführen: Auf welcher Basis sind die spektakulären Erfolge des österreichischen Skiteams in den vergangenen Jahren entstanden? Einerseits natürlich durch ideale Trainingsbedingungen und systematische Aufbauprogramme, andererseits beruhen die Triumphe aber auf der Tatsache, daß es sich um einen Volkssport handelt, der ein entsprechendes Reservoir zur Verfügung stellt.

 

Es gibt drei Gründe z. B. im Sport nicht nur Spitzenleistungen zu fördern, sondern eine weite aktive Verbreitung in der Bevölkerung zu suchen. Erstens sind die Ausnahmeerscheinungen der Gipfel des Breitensports. Zweitens bedarf es der Liebhaber, die die Probleme zumindest annähernd aus der eigenen Praxis kennen, um zu einer wirklichen Kennerschaft in der Bevölkerung zu gelangen, die überhaupt imstande ist, die tatsächlichen Leistungen einzuschätzen. Drittens gibt es nicht nur den Leistungssport, über dessen Sinnhaftigkeit sich trefflich streiten ließe, sondern auch den Gesundheitssport.

 

Mit den nötigen Modifikationen ließe sich ähnliches etwa für die Musikkultur eines Landes sagen. Und es trifft in unserer Mediengesellschaft, die zu einer übertrieben passiven Freizeitgestaltung führte, gerade auch auf den Stellenwert des Offenen Kanals zu. Der Offene Kanal als Breitensport und Gesundheitssport! 

 

 

© Arbeitskreis Offene Kanäle Österreich, 2001