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Gespräch mit Eva Brunner-Szabo
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Könnten sie einleitend erklären, was ein Offener Kanal per Definition ist und wie sich seine Ziele und Aufgaben definieren? |
Ein Offener Kanal ist Fernsehen für Bürger und Bürgerinnen, die dort frei und unzensuriert Programm machen können. Natürlich gibt es, wenn nötig, Unterstützung. Ziel ist, die Meinung der Bürgerinnen auch im Fernsehen zu veröffentlichen. Frei, unzensuriert und demokratisch. |
| Gibt es Projekte in Österreich, die exemplarisch für genau diese Konzeption stehen? Können Sie skizzieren, wie es in Österreich um den Offenen Kanal bestellt ist? |
Es hat in Österreich Ideen, Projekte und Konzepte gegeben, die aber eigentlich nie realisiert wurden, ausgenommen einzelne, temporäre Initiativen, die in den 80er und 90er Jahren stattgefunden haben. Die waren aber eher im Kunstkontext angesiedelt. |
| Waren die Bürger gewillt, sowohl hier in Österreich als auch in anderen Ländern, bei der Einführung der Offenen Kanäle zu partizipieren oder musste erst Überzeugungsarbeit geleistet werden? |
Wenn man die 70er und 80er Jahre betrachtet, war es in vielen Ländern so, dass Offene Kanäle erst aufgrund des massiven Drucks seitens der Bürger umgesetzt wurden. Dort hat das auch einen besonderen Stellenwert. Bis heute. |
| Wenn ein Bürger zum Offenen Kanal kommt und einen Beitrag produziert: Welcher Thematiken nimmt er sich da bevorzugt an? Sind das Berichte, die das unmittelbare soziale Umfeld betreffen oder handelt es sich um globalere Themen? |
Es gibt Leute, die sich sozialer Konflikte annehmen, es gibt aber auch Leute die ihren Sportverein abfilmen. Auch Programme über Minderheiten werden häufig produziert. Ich kann nicht ausschließen, dass es in einzelnen Offenen Kanälen aufgrund von Geschichte und Traditionen, bestimmte Schwerpunkte gibt. Aber eine generelle Aussage würde ich mich nicht trauen zu machen. |
| Steigert sich der Partizipations-Wille der Bevölkerung im Laufe der Zeit oder ebbt das Interesse eher ab? Welche Ergebnisse gibt es aus Langzeitbeobachtung? |
Ich weiß nur von Langzeitbeobachtungen in Deutschland, aus denen hervorgeht, dass das Interesse der Bevölkerung eher abebbt. Aber es sind in Deutschland in den letzten sieben, acht Jahren in mindestens 20 Städten neue Offene Kanäle entstanden. Dort wird das Interesse vermutlich größer sein. Ansonsten gibt es meistens einen Grundstock an Leuten, die den Offenen Kanal nützen. Für viele Leute ist das oft ein idealer Einstieg. Gerade im studentischen Bereich sind die Menschen dankbar, wenn sie bei so einem Projekt mitarbeiten können. Wenn sie dann aber auf ein Einkommen angewiesen sind, geht sehr oft die Mitarbeit verloren. Nicht aus Desinteresse, sondern weil es einfach sehr viel Zeit fordert, Fernsehen zu machen, selbst bei "nicht- professionellem" Fernsehen. |
| Halten sich die Gestalter an formale Regeln des Journalismus? Entwickelt der Bürger die Fähigkeit, seine persönliche Meinung hintanzustellen? Kommen objektive Berichte zustande? |
Es gibt natürlich journalistisch agierende Leute, es gibt aber auch Hunderte andere, die eigentlich nur partizipieren, um ihren Verein, ihre Ideen, also ihre persönlichen Interessen zu zeigen. Es hängt alles von der Person ab, die den Beitrag macht. |
Steigt das politische Interesse mit der Errichtung eines Offenen Kanal? |
Die Erhebung solcher Daten ist sehr kompliziert, weil ja die meisten Offenen Kanäle nur in lokalen Kabelnetzen eingespeist sind. Lediglich in Dänemark und Australien gibt es eine terrestrische Ausstrahlung. Das heißt, wenn sie in Düsseldorf wohnen, können sie den Offenen Kanal aus Bonn nicht empfangen. Man müsste also immer ganz kleine Gruppen auswerten. |
Fungiert ein Offener Kanal auch als Bildungsträger? |
Die wichtigste Funktion, die ich sehe, ist weniger die Bildungsträgerfunktion, sondern die demokratiepolitische Funktion. Wenn sie durch den Offenen Kanal mehr über Minderheiten erfahren, über die sie vorher nichts gewusst haben, würde das für sie unter Bildung fallen? Oder sind damit nur Programme wie Sprachsendungen gemeint? |
| Sowohl als auch. Bildung ist ein sehr weiter Begriff. |
Minderheiten, die sonst keine Möglichkeit haben, sich im Fernsehen zu zeigen, können Programme machen. Wenn sie die Möglichkeit, sich über solche Minderheiten zu informieren, als Bildung bezeichnen, hat der Offene Kanal eine Bildungsfunktion. Die Offenen Kanäle sind ein Bildungsangebot unter anderen Voraussetzungen. Bei Radio Orange gibt es auch viele Sendungen, die zum Beispiel in Türkisch oder Kurdisch sind, die aber mehr für die eigene Community gemacht werden. Hier hat der Offene Kanal eine enorm große Bedeutung. In diesem Bereich kann man sicher von einer Bildungsfunktion sprechen.. |
| Ich möchte an dieser Stelle den demokratiepolitischen Aspekt aufgreifen: Gilt der Grundsatz "Bildung für alle"? |
Bei uns kann jeder, der das Geld hat, eine Zeitung gründen, ein Buch herausgeben, oder ein Flugblatt schreiben. Bei den elektronischen Medien, wie zum Beispiel Fernsehen oder Radio ist das nicht der Fall. Der Offene Kanal würde hier vielleicht zu einem Ausgleich beitragen. |
Regt ein Offener Kanal zur Weiterbildung an, wenn man sich journalistisch entwickeln möchte? |
Ich würde es eher als journalistische Grundausbildung sehen. Sie haben ja Kursangebote für Leute, die mit dem Medium noch nie umgegangen sind. Wenn sie schon Journalist sind, bringt der Offene Kanal wenig. |
Sie haben das Thema Minderheiten schon angesprochen. Spielen Minderheiten-Programme eine wichtige Rolle in der Konzeption des Offenen Kanals? |
Sie spielen in den Offenen Kanälen die ich kenne beziehungsweise gesehen habe eine sehr wichtige Rolle. Es hat sich aber in der Praxis herausgestellt, dass gerade Minderheiten das Angebot nützen, weil die von den Mehrheitsmedien oft nicht vertreten werden. |
Kann in diesem Fall der Offene Kanal eine integrative Wirkung haben? |
Ja! Kann er. |
Mich würde auch der Genderaspekt interessieren. Kann man bei der Beteiligung am Offenen Kanal einen Gendergap feststellen? |
Das Video war in den 70er Jahren ein neues Medium, das im Verhältnis zu anderen technischen Medien mehr Frauen genutzt haben, weil sie praktisch zur gleichen Zeit wie die Männer an dieses neue Medium gekommen sind. Darüber gibt es Untersuchungen. Ob das im Offenen Kanal auch so ist, kann ich nicht beantworten. Das Downtown Community Center wurde aber beispielsweise gemeinsam von einem Mann und einer Frau gegründet. |
| Wenn man jetzt die Beiträge sieht und auch mit einbezieht, wer die gemacht hat, kann man irgendwelche geschlechtsspezifischen Differenzen ausmachen? |
Dazu kenne ich die einzelnen Kanäle zu wenig. Man müsste das Programm und seine Macher kontinuierlich über Monate verfolgen. Aus der Entfernung ist das schwer zu überprüfen. |
| Wird der Offene Kanal für die Vermittlung von frauenspezifischen Anliegen genutzt? |
Vereinzelt ja. Es gibt Frauengruppen, die Programme machen. Es hat zum Beispiel ein Projekt von einer Frauengruppe im Offenen Kanal Hamburg gegeben. Diese Gruppe hat im Rahmen der Documenta für die Piazza Virtuale Programme gemacht. Die ganze Crew bestand aus Frauen. In Österreich gibt es die Martha Rossler, die für Paper Tiger TV viele Sendungen gemacht hat, die sich ganz speziell mit Frauenthemen auseinandergesetzt haben. |
Wie waren die Reaktionen auf diese Projekte? |
Das Piazza Virtuale Projekt war ja ein großangelegtes Beteiligungsprojekt im Rahmen der Documenta in Kassel. Es gab dort eine Hauptstation mit Studio und zusätzlich neun Piazzetas in neun europäischen Städten. Über Datenleitungen waren diese Stationen verbunden, wodurch die Leute in den Piazzetas die Besucher in Kassel sehen und mit ihnen kommunizieren konnten. Das war damals vor zwölf Jahren schon sehr revolutionär. Die Inhalte sind leider, und das war dann auch die Eigenkritik an dem Projekt, sehr zu kurz gekommen. Über "Hallo" und "Wie geht's?" ging es oft nicht hinaus, weil die Leute einander nicht kannten und sich nichts zu sagen hatten.. Inhaltlich ist nicht sehr viel passiert. Wenn man es aber aus kommunikationspolitischer und kommunikationstechnologischer Sicht betrachtet, kommt man natürlich zu einem anderen Ergebnis. |
Können Offene Kanäle dazu beitragen, das Verständnis zwischen den Geschlechtern zu verbessern? |
Ein Offener Kanal ist in seiner Bestform eine sehr breitgefächerte Plattform für die verschiedensten Meinungen. Es kommt natürlich auf die Leute an, die sich dafür interessieren und die Sendungen produzieren. Sind das Frauen oder Männer, die sich mit der Problematik Gender auseinandersetzen, so kann natürlich Verständnis hergestellt werden. Gibt es niemanden, der sich dafür interessiert, dann wird dieses Thema wahrscheinlich auch kaum vorkommen. Die Leute müssen sich engagieren und die Themen bestimmen. Rassistische und illegale Inhalte sind natürlich ausgeschlossen, aber ansonsten lebt ein Offener Kanal von den Thematiken, die von den Bürgern herangetragen werden. Wenn die Gestalter eher fortschrittlich sind, so ist der Offene Kanal auch fortschrittlich. Und wenn die Menschen eher konservativ sind, so ist auch der Offene Kanal konservativ. Eine derartige Institution ist a priori noch nicht mit einem Inhalt besetzt. |
Also ist ein Offener Kanal ausschließlich das, was man daraus macht? |
Ja. Und die Bereitstellung von Infrastruktur, dass so etwas überhaupt möglich ist. |
Eva Brunner-Szabo, Dr. phil, Mitarbeiterin in der Medienwerkstatt Wien und Lehrbeauftragte am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien |
Das Interview führte Fabian Burstein. |