Gepräch mit Kurt Palm

Sie sind vor rund zehn Jahren einer Öffentlichkeit abseits der kulturellen Elite bekannt geworden, als sie im ORF die "Nette Leit Show" mit Hermes Phettberg produziert haben. Sie haben damit den Spagat zwischen alternativem Format und Quote geschafft. Wäre so etwas heute überhaupt noch möglich?

In der Form sicher nicht. Die größte Gefahr ist, dass man sich in solchen Dingen wiederholt. Ich habe als Regisseur und Autor immer versucht, Sachen zu machen, die nach Möglichkeit neu sind. Das ist natürlich schwierig. James Joyce hat in seinem Roman "Ulysses" an zwei Stellen geschrieben: "Es gibt nichts Neues unter der Sonne". Und er hatte natürlich Recht. Der Künstler muss Dinge entdecken, die vorhanden sind und diese neu zusammensetzen.

Das Problem ist natürlich, dass es in unserer Zeit eine Dynamik gibt, die im wesentlichen von Schwachmatikern bestimmt wird. Jeder Volltrottel glaubt, wenn er einmal eine Masche gefunden hat, kann er die bis zum Exzess ausreizen. Und diese Leute haben natürlich nichts besseres zu tun, als sich als Marke zu verkaufen.
Um die eigentliche Frage zu beantworten: Man kann das nicht wiederholen. Man könnte vielleicht so etwas ähnliches machen. Ob das qualitativ gleichwertig sein kann, weiß ich nicht. Ich hab mich nicht damit beschäftigt, weil es mich nicht interessiert. Ich habe zum österreichischen Fernsehen null Kontakt und trage mich nicht mit dem Gedanken, irgendetwas in diese Richtung wieder zu machen. Für mich ist das abgeschlossen.


Der Offene Kanal möchte auch Kulturinitiativen abseits des Mainstream ein Forum bieten, um unkonventionelle Arbeiten einem breiteren Publikum näher zu bringen. Wurde dieser Aspekt des kulturellen Lebens von der Politik bislang ausgeblendet und vernachlässigt, vielleicht sogar ignoriert?


Das kann ich schwer beantworten, weil ich mich mit diesen Fragen eigentlich nicht auseinandersetze. Ich verfolge die österreichische Kulturszene im Fernsehen nur peripher, weil so etwas wie "Treffpunkt Kultur" ja eigentlich eine bessere "Seitenblicke" - Aufarbeitung ist. Das hat ja mit der Kultur, die mich interessiert, überhaupt nichts zu tun. Dort werden permanent diese gelackten Affen präsentiert, die ihre Megavisionen vorstellen, die jenseits von meinem Erlebnishorizont sind.

Mich hätte in diesem Zusammenhang interessiert, welche Perspektiven sich mit einem Offenen Kanal auftun. Ob Sie hier auch eine Chance für junge Kunst- und Kulturschaffende sehen?

Ich glaube, so etwas hat dann eine Chance, wenn man einen wirklich radikalen Ansatz findet. Und das ist natürlich schwierig, weil alles, was heute im Fernsehen gezeigt wird, letztendlich ein Kompromissprodukt ist.Es funktioniert nur mit einem absolut radikalen Konzept und mit Leuten, die leidenschaftlich hinter der Sache stehen. Mich persönlich würde ja mittlerweile nur noch Kunst interessieren, die einen wirklichen sozialen Anspruch hat. Kunst, die für sich selbst existiert, interessiert mich überhaupt nicht. Was ein Künstler über sich selbst denkt, ist mir wirklich wurscht. Das soll er sich in seinen vier Wänden ausmachen, aber nicht mich damit belästigen. Mich interessiert, was jemand über gesellschaftliche Verhältnisse, über Zustände und Perspektiven denkt.

Ein Aspekt, der sehr eng mit Kunst verbunden ist, ist die freie Meinungsäußerung. Den Anspruch, ein Medium zur freien Meinungsäußerung zu sein, kann der ORF heute sicher nicht mehr erheben. Welche Chancen würden sich durch die Realisierung eines Offenen Kanals auftun?

Es gibt ein englisches Sprichwort, das heißt: "Die Güte des Puddings erweist sich beim Essen". Wenn man's in der Praxis ausprobiert, weiß man, ob's funktioniert. Es geht um soziale Prozesse. Es geht darum, wer in welchem Kontext seine freie Meinung äußert. Wir sitzen zu einem Zeitpunkt zusammen, wo durch den Irak-Krieg die freie Meinungsäußerung irgendwo zerbombt wird. Was sich in den USA zurzeit auftut, ist eine Kopie eines Überwachungsstaates aus den ärgsten Horrorträumen. Freie Meinungsäußerung gibt's dort überhaupt nicht. Das ist eine Diktatur von Ölmagnaten und Waffenproduzenten, die ein paar Politiker am Gängelband haben. Der Bush ist ja nichts anderes als eine Marionette.
Freie Meinungsäußerung gut und schön, aber es muss eine soziale Stoßrichtung haben, dann gebe ich einem Offenen Kanal eine Chance. Wenn man nicht in die Offensive geht, ist man schon verloren. Das ist aber keine Frage des Geldes. Man kann heute schon Dinge erreichen, ohne Millionen von Schillingen im Hintergrund zu haben. Es gibt Bewegungen, die sich formieren, ohne große Geldgeber im Hintergrund zu haben.
Wenn man dem Ganzen eine gewisse Stoßrichtung gibt, ist der Offene Kanal sicher eine Alternative zum ORF, die von vielen Leuten mit Handkuss angenommen wird.

Der soziale Prozess soll auch dadurch in Gang kommen, dass das klassische Prinzip des Distributionsapparates gesprengt wird. Der Offene Kanal soll ein Kommunikationsinstrument sein. Dies wird wiederum dadurch gesichert, dass es einen absolut freien Zugang gibt, solange keine rassistischen und menschenverachtenden Inhalte gebracht werden. Darin liegt die Chance für eine vielfältige Interaktion. Innerhalb der Beiträge wird es vielleicht nicht so viel Objektivität geben. Dafür wird durch viele subjektive Beiträge eine Meinungsvielfalt gewährleistet. Halten Sie das für ein sinnvolles Modell?

Na sicher. Wenn das für den Zuschauer nach halbwegs nachvollziehbaren Kriterien abläuft, kann so etwas funktionieren. Ich bin ja ein Anhänger der Brecht'schen Realismustheorie, in der steht, dass es die Breite und die Vielfalt des sozialistischen Realismus gibt. Viele glauben, der sozialistische Realismus bestehe darin, ein Jubellied auf Stalin oder Lenin zu singen. Die Breite und die Vielfalt ist das Entscheidende. Nochmals: Das Format hat dann eine Chance, wenn es eine gewisse soziale Stossrichtung gibt. Ich glaube nicht, dass so etwas funktioniert, wenn es "Kraut und Rüben" ist.

Genau dieser Problematik versucht man dadurch zu entgehen, dass an den Offenen Kanal ein Bildungszentrum angeschlossen ist. Dort findet dann Medienkompetenzvermittlung statt. Der Bürger kann sich dort auch technische Fertigkeiten aneignen, die für die Beitragsgestaltung notwendig sind. Befürworten Sie so ein Angebot oder erzeugt es Schwellenangst?

Ich bin kein Fernsehspezialist. Ich weiß nicht, wie so etwas rein technisch funktioniert. So kompliziert kann es nicht sein, wenn man sich anschaut, wer aller Fernsehen macht. Die Vermittlung von Fertigkeiten im Sinne eines Bildungsauftrages finde ich schon gut. Ich bin ja von Beruf auch Volksbildner. Insofern tritt man bei mir offene Türen ein. In dieser Hinsicht bin ich sehr konservativ. Ich habe es schon ganz gerne, wenn ich gescheiter aus einer Institution rauskomme, als ich reingegangen bin. Am spannendsten finde ich die Sendungen, um jetzt beim Fernsehen zu bleiben, bei denen man wirklich Neues über soziale Zusammenhänge erfährt und das nach Möglichkeit auch für sein eigenes Leben verwerten kann. Und eine Kochsendung sollte man auch machen. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Die Radiolandschaft hat ja mit Radio Orange schon einen Offenen Kanal, der ein Programmelement wie "
Radio Augustin" zulässt, in dem eine Minorität ihr Leben am Rande der Gesellschaft darstellt. Ist dieser Bereich bisher vernachlässigt worden?

So etwas wie die Zeitschrift "Augustin" finde ich enorm wichtig. Das sind die Dinge, die mich mehr interessieren als Mainstream - Geschichten. Wir schlittern ja einer sozialen Differenzierung größten Ausmaßes entgegen Die Verarmung wird in einem Ausmaß zunehmen, das man sich heute gar nicht vorstellen kann. Der Armutsanteil in der Bevölkerung wird rapide ansteigen und insofern sind natürlich Initiativen von Obdachlosenvereinen total wichtig. So etwas ist im ORF völlig ausgeblendet, obwohl es eine soziale Realität in Österreich ist. Wir haben immerhin 5 - 6 % Arbeitslose. Die kommen im ORF praktisch nicht vor. Wir haben soziale und ethnische Minderheiten. Das kommt alles nicht vor. Ein Trauerspiel! In die Richtung müsste ein neues Format wie der Offene Kanal gehen. Auf diese Bereiche muss man sich stützen, dann hat man eine Chance.

Sie haben gerade ein sehr interessantes Thema angeschnitten: Der Offene Kanal legt großen Wert auf die Darstellung der Lebensumstände von Einwanderern. Dabei geht es nicht primär um Assimilation, sondern vorwiegend um die Bereitstellung eines Forums für die Communities, um beispielsweise Beiträge in der Muttersprache zu ermöglichen. Halten Sie dieses Anliegen für sinnvoll?

Na sicher. Es ist doch so, dass heute die meisten Leute Kabel oder Satellit haben und da gibt's ja auch das türkische, französische oder italienische Fernsehen. Ich finde das immer interessant. Ich verstehe zwar nichts, aber irgendwie gefällt mir das. Das muss man auf jeden Fall forcieren, weil das wichtig ist für die Leute, die hier leben und die ja auch unsere Kultur bereichern. Es ist ja nicht so, dass diese Menschen hier nur auf unsere Kosten leben, wie das viele Leute behaupten. Ohne diese Menschen würde es in Österreich noch grauenhafter ausschauen, als es eh momentan der Fall ist.

Sie spielen beziehungsweise kochen gerade im "Rabenhof". Der "Rabenhof" ist ja Teil einer Theaterszene hier in Wien, die eine sehr lebhafte Kleinkunstszene hervorgebracht hat. Wird die Kulturberichterstattung in Österreich, diesem breiten Angebot überhaupt gerecht?

Sicherlich nicht. Es gibt diesen riesigen Wasserkopf in Form der Bundestheater. Der Großteil der Gelder fließt in diese Theater. Das ist meines Erachtens ein riesiger Fehler, denn diese Urgesteine haben mit unserer heutigen Zeit einfach überhaupt nichts mehr zu tun. Das sind doch Enklaven, wo durch das Schlüsselloch in eine Zeit geschaut wird, die längst vergangen ist. Natürlich ist die Berichterstattung auf diese Großinstitutionen, auf diese Supertanker konzentriert. Die kleinen Initiativen, die es abseits des Mainstream gibt, werden in den Medien überhaupt nicht berücksichtigt. Man muss da irrsinnig rudern damit man halbwegs wahrgenommen wird. Da ist "Treffpunkt Kultur" das beste Beispiel. Um 23:55 kommt dann meistens noch schnell ein Beitrag über sogenannte "Alternativ"-Geschichten. Aber meistens fällt der eh weg, weil die anderen Beiträge überzogen wurden.
Da könnten Medien wie der Offene Kanal sicher eine Lücke schließen.


Meine abschließende Frage: Würden Sie als Privatperson am Offenen Kanal partizipieren und wenn ja was würde Ihnen da so vorschweben?


Ich könnte innerhalb von 10 Minuten Konzepte für 10 verschiedene Formate machen. Für mich wäre das überhaupt kein Problem, wenn das Umfeld halbwegs stimmt. Grundsätzlich würde ich sagen: "Wieso nicht?" Es spricht eigentlich nichts dagegen.

Wie wäre es mit einer Kochsendung?

Es gibt eh schon Angebote, dass man das Rabenhof - Programm irgendwie medial verwertet. Im September kommt mein Buch über James Joyce heraus. Da bin ich natürlich viel unterwegs mit Lesungen. Ich denke, dass eine Literatursendung gut in einen Offenen Kanal passen würde, in der man Autoren näher vorstellt. Ähnliches mache ich jetzt gerade in meinem Programm.
Aber es gibt dutzende Möglichkeiten und Ideen. Ich könnte den Sender 24 Stunden bespielen, wenn's nötig wäre.


Kurt Palm
Geboren 1955 in Vöcklabruck / Oberösterreich, lebt als freier Regisseur in Wien. Dissertation über den Brecht-Boykott in Österreich in den 50er Jahren. Regieassistent an verschiedenen Theatern, dann Regisseur in Berlin.
Gründer und Leiter der freien Theatergruppe "Sparverein Die Unzertrennlichen".1995 Produzent und Regisseur von "Phettbergs Nette Leit Show" im ORF.


Das Interview führte Fabian Burstein.