Gespräch mit Johannes Schütz

Können Sie anfangs den Offenen Kanals definieren? Was sind die Aufgaben, was sind die Ziele, wie funktioniert so ein Offener Kanal?

Eingangs muss man sagen, dass es verschiedene Konzeptionen gibt, wie ein Offener Kanal ausgerichtet sein kann. In Deutschland bildete sich 1979 die Expertengruppe Offener Kanal, die darüber nachdachte, wie so ein Vorhaben funktionieren könnte. Als Resultat dieser Vorbereitungsarbeit wurden dann die Kriterien für einen Offenen Kanal herausgegeben. Darin definiert die Expertengruppe den Offenen Kanal als eine Plattform, die allen die Möglichkeit bietet, selbstproduzierte und selbstinitiierte Beiträge zu senden.

Wesentliche an diesen Richtlinien ist, dass sie den Offenen Kanal als ein Angebot für alle Menschen definieren. Dieser Grundsatz kam beim ersten Pilotprojekt, in Ludwigshafen, ganz stark zum Tragen. Der war so ausgerichtet, dass jeder aus Deutschland die Möglichkeit gehabt hat, seine Beiträge im dortigen Offenen Kanal zu senden und auch die technische Infrastruktur zu nützen. Doch man konnte später feststellen, dass sich der Offene Kanal vor allem als ein Medium mit lokaler Ausrichtung bewährt.

Was bei einem Offenen Kanal auch sehr entscheidend ist: Er sollte die Fähigkeit vermitteln, Beiträge selbst zu gestalten. Dabei ist ein ganz wesentlicher Punkt natürlich die Medienkompetenz, die gefördert werden sollte. Für den Offenen Kanal gilt auch, dass keine kommerzielle Werbung gesendet werden darf.. Hier muss ich aber hinzufügen, dass dieses Prinzip auch zur Diskussion gestellt wird. Insbesondere Sponsoring, in dem Sinne, dass im Abspann der Name eines Unternehmens zu sehen ist, wird dabei angedacht.

Wie funktioniert die Vergabe von Sendeplätzen?

In Deutschland hat man zu Beginn ganz strikt das Prinzip des first come / first served eingehalten. Das bedeutet, wer als erster kommt, kann aus den noch freien Sendeplätzen wählen. Das hat sich jedoch nicht immer bewährt. Denn im Laufe der Jahre kam es selbstverständlich zu Entwicklungen und manche Beitragsgestalter konnten sich in der Öffentlichkeit etablieren. Da hat es dann Sinn gemacht, diesen feste Sendeplätze zu geben.

Im Rahmen unserer Studie zur Vorbereitung des Offenen Kanals im Auftrag der Stadt Wien führten wir auch zahlreiche Gespräche mit bereits bestehenden Institutionen. Dabei wurden Kooperationen, Synergieeffekte und Nutzungsmöglichkeiten erörtert. Wir bemerkten dabei den großen Wunsch, einen festen Sendeplatz zu erhalten, der dann regelmäßig bespielt wird. Aber das "first come / first served" - Prinzip sollte man selbstverständlich nicht ganz aufgeben, sondern Teile des Sendeschemas ganz bewusst dafür freihalten.

Gab es in Österreich schon Projekte, die man als "Offener Kanal" titulieren kann?

Österreich war einst in der Videoarbeit ein Vorbild. In Deutschland hat man sich Anfang der achtziger Jahre bei der Vorbereitung der Offenen Kanäle an internationalen Modellen orientiert. Selbstverständlich an den public access channels, die es damals bereits in den USA gab, aber auch an den Versuchen in Österreich, die hier schon in den 70er Jahren durchgeführt worden sind. Insbesondere die Video Initiative Graz, bei der Peter Hueber, einer der Pioniere des Offenen Kanals, als Geschäftsführer tätig war, hat überaus interessante Projekte durchgeführt. Er wurde auch oft nach Deutschland eingeladen, um über seine Erfahrungen zu berichten, die man für die Umsetzung der Offenen Kanäle in Deutschland nutzen wollte.

Das bekannteste Projekt der Video Initiative Graz ist sicher "Arbeiter machen Fernsehen". Im Zuge dieses Projekts wurde Schwerarbeitern aus großen Unternehmen in der Steiermark, die Möglichkeit gegeben, ihre Arbeits- und Lebensbedingungen zu reflektieren. Noch bevor die filmischen Resultate ausgestrahlt wurden, gab es für die Arbeiter zahlreiche Verbesserungen. Alleine die Tatsache, dass eine Kamera das Arbeitsumfeld dokumentierte hatte, führte zu Maßnahmen seitens der Geschäftsleitung, die Arbeitsplatzsicherheit und Lebensqualität der Arbeiter verbesserten. Aber auch die Kommunikation zwischen den Kollegen und in den einzelnen Familien wurde durch die Videoarbeit verbessert.

Schon 1976 gab es die Projekte "Lokales Fernsehen Burgenland" und "Lokales Fernsehen Steiermark". Diese sind fraglos erste österreichische Versuche zur Umsetzung eines Offenen Kanals gewesen. Das Projekt im Burgenland war ursprünglich in der Großfeldsiedlung geplant, wo ja kürzlich Elisabeth T. Spira mit ihrer Arbeitsweise für einen Skandal gesorgt hat. In Wien ist damals das Projekt aber an der Finanzierung gescheitert, weshalb die Videogruppe schließlich ins Burgenland, und zwar nach Mattersburg, ausgewichen ist.

In der Publikation "Bürgermedium Video" von Garleff Zacharias-Langhans, die von der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn angeregt wurde, hat man diese österreichischen Projekte sehr gewürdigt und es wurde damals sogar ausdrücklich geschrieben, dass man annehmen muss, ein Offener Kanal würde aufgrund der positiven Rahmenbedingungen in Österreich vorausichtlich viel rascher umgesetzt werden als in Deutschland. Das wurde 1977 veröffentlicht. Inzwischen hat sich die Situation völlig verändert. In Deutschland ging der erste Offene Kanal 1984 in Ludwigshafen/Vorderpfalz auf Sendung, jetzt gibt es in unserem Nachbarland bekanntlich bereits 80 Offene Kanäle.


Die freie Meinungsäußerung ist ein zentrales Element der ganzen Idee?

Das stimmt. Die zentrale Argumentation der Offenen Kanäle in den 70er und 80er Jahren war das Recht auf freie Meinungsäußerung. Diese ist in Deutschland in Artikel 5 des Grundgesetzes geregelt und damit hat man eigentlich die Einführung der Offenen Kanäle gefordert und zwar im Zusammenhang mit der Entstehung des Privatfernsehens. Es wurde argumentiert, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung im Fernsehen für alle gelten muss und nicht nur den kapitalstarken Medienunternehmern vorbehalten sein darf. So war klar, dass die neuen kommerziellen Fernsehsender nur möglich werden, wenn man gleichzeitig auch die Offenen Kanäle verankert. Das duale System aus öffentlich-rechtlichen und privat-kommerziellen Sendern erhielt eine dritte Säule.

In den 90er Jahren verändere sich die Argumentation bezüglich der Bedeutung der Offenen Kanäle: Da rückte die Medienkompetenzvermittlung in den Vordergrund. Aber es stimmt weiterhin, dass ein Offener Kanal das sogenannte "Gatekeeper"-Prinzip torpediert. Es sind Inhalte möglich, die in kommerziellen Medien niemals gebracht werden.

Muss man die Bürger zur Partizipation ermutigen oder kommen sie von sich aus zu den Offenen Kanälen?


Man hat anfangs in Deutschland in Hinblick auf Paragraph 5 Grundgesetz gesagt, man möchte eigentlich gar nicht zu stark motivieren. Eher neutral die Möglichkeit einer Plattform zur Verwirklichung dieses Rechts auf freie Meinungsäußerung anbieten.

Inzwischen ist die Tendenz aber stärker geworden, dass man zu Gruppen hingeht, sie ausdrücklich einlädt. In Bremen gab es beispielsweise im Rahmen des Offenen Kanals das Projekt "Jugendknastfernsehen". Da ist eine Gruppe von Animatoren in ein Gefängnis gegangen und hat dort gemeinsam mit Jugendlichen gearbeitet.


Also ist es durchaus sinnvoll, dass man die Gruppen auch anspricht?

Ja. Es ist sicher sinnvoll, möchte man den Offenen Kanal auf eine breite Basis stellen. Gerade im Hinblick auf sozial benachteiligte Gruppierungen ist diese Strategie sicherlich von enormer Bedeutung. Man muss offensiv auf die Leute zugehen, weil sonst auch die Schwellenangst zu groß bleibt. Wir haben bereits im Rahmen der Studie zum Offenen Kanal Wien in diese Richtung gearbeitet und über 100 Institutionen und Initiativen angesprochen.
Das Interesse, das wir dabei fanden, war sehr groß.

Es existiert ja der weitverbreitete Irrglaube, dass ein Offener Kanal ganz einfach eingesendete Videos ins Fernsehen bringt.

Das habe ich schon oft gehört bei Diskussionen, gerade in Wien. Als ob ein Offener Kanal nur bedeuten würde, dass man dort seine Videos abgibt. Das ist fraglos zuwenig für einen Offenen Kanal und entspricht auch sicher nicht der Grundidee dieser Institution. Kommunikation und Zusammenarbeit stehen im Vordergrund, nicht das wahllose Füllen von Sendezeit.

Fungiert ein Offener Kanal als Bildungsträger?

Genau das meine ich. Der Offene Kanal ist eine ganz wichtige Bildungsinstitution. In Deutschland wurde der Offene Kanal viel stärker als Bildungsinstitution konzipiert und umgesetzt, denn als alternativer Fernsehsender. Es gibt enge Kooperationen mit Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. Weiters wirkt der Offene Kanal als Multiplikator, in seinem Umfeld enstehen zahlreiche wichtige Initiativen hinsichtlich der Vermittlung von Medienkompetenz. Diese ist international zu einer Schlüsselqualifikation geworden. Verglichen mit Deutschland, aber auch anderen Ländern, insbesondere in Skandinavien, hat Österreich in diesem Bereich mittlerweile einen Rückstand von 15 Jahren.

Agieren die Beitragsgestalter bei einem Offenen Kanal wie Journalisten?

Ich denke, man darf den Anspruch an die Nutzer zu Beginn nicht zu hoch schrauben, weil man sie damit verunsichert. Aber die Entwicklung geht sicher dahin, dass die Beiträge immer besser werden. Sie haben heute in den Offenen Kanälen eine wesentlich höhere Qualität als noch vor 15 Jahren. Was die Professionalisierung betrifft, gibt es natürlich immer wieder den Wunsch seitens der Nutzer, den Journalistenberuf professionell auszuüben. Und es besteht tatsächlich die Möglichkeit, dass Nutzer ihre diesbezüglichen Fähigkeiten entwickeln und manche schaffen dann auch den Überstieg. Es darf aber nicht so verstanden werden, dass es einzig die Funktion eines Offenen Kanals sei, Journalisten auszubilden. Es geht um eine breite Arbeit für die ganze Bevölkerung, die selbstverständlich mit unterschiedlichsten Bedürfnissen verbunden ist.

Ein Ziel des Offenen Kanal ist es ja, das Fernsehen vom Distributionsapparat zum Kommunikationskanal zu transformieren. Welche Formen der Interaktion bietet so ein Offener Kanal? Wenn ich einen Beitrag sehe: Wie kann ich reagieren?

Wenn man mit einem Beitrag nicht zufrieden ist, kann man hingehen und einen Gegenbeitrag gestalten. Die Ausgewogenheit ist im Offenen Kanal kein Problem, weil ja jeder die Möglichkeit hat, einen Beitrag zu machen. Es gibt zwar nicht, so wie im klassischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein Ausgewogenheitsprinzip innerhalb der Beiträge. Aber die Summe aller Beiträge bewirkt die Ausgewogenheit.

Worüber berichten die Nutzer eines Offenen Kanals bevorzugt?

Die Inhalte des Offenen Kanals sind so vielfältig wie die Menschen, die ihn nutzen. Es gibt eine breite Palette an Inhalten. Eine wichtige Funktion hat aber sicher die lokale Berichterstattung. Im Zuge einer Studie zum Offenen Kanal Kassel wurde die Frage gestellt: "Glauben sie, behandelt der Offene Kanal Kassel alle lokalen Themen die von Interesse sind?". Und 71% der Befragten haben das bejaht.

Spielen Minderheitenprogramme eine besondere Rolle in der Konzeption des Offenen Kanals?


Der Offene Kanal ist eine ganz wichtige Plattform für sprachliche Minderheiten und er wird von ihnen auch sehr genutzt. Im Offenen Kanal Berlin sind 40% der Sendungen nicht in deutscher Sprache. Davon war wiederum die Hälfte in türkischer Sprache. Es gibt hier also offenbar sehr aktive Communities.

Generell hat der Offene Kanal eine immense Bedeutung zur Formierung der fremdsprachigen Communities, die dadurch ihre Erfahrungen, Informationen, Hinweise auf Veranstaltungen usw. austauschen. Da gibt es eine Vielfalt von Gruppen, die sich regelmäßig beteiligen. Seitens der Offenen Kanäle gibt es auch das Bestreben, die Entwicklung so zu forcieren, dass der Offenen Kanal nicht nur eine multikulturelle Institution bleibt, in der viele Gruppen nebeneinander ihre Beiträge gestalten, sondern vielmehr zu einer interkulturellen Einrichtung wird, in der die Gruppen miteinander arbeiten.

Aber man muss beim Offenen Kanal beispielsweise auch an Minderheiten wie die Gehörlosen denken. Auch sie erhalten die Möglichkeit, Sendungen in Gebärdensprache zu machen. Es gab auch schon Sendungen mit Blinden, die mit Hilfe der Kommunikationsassistenten einen Beitrag gemacht haben.


Ich würde jetzt gerne den Genderaspekt ein bisschen näher beleuchten. Gibt es bei der Beteiligung am Offenen Kanal einen Gendergap?


Ja. Es ist tatsächlich so, dass ein Offener Kanal von der Tendenz her insbesondere von Männern zwischen 30 und 50 Jahren stark genutzt wird. Man muss aber zwischen den einzelnen Offenen Kanälen differenzieren. In einer Studie zum Offenen Kanal Kassel wurde ein Frauenanteil von 40 % erhoben. Untersuchungen aus Rheinland/Pfalz haben jedoch ergeben, dass der Frauenanteil in so manchen lokalen Offenen Kanälen im Jahr 1995 bei 9 % lag.

Es ist also eine Tatsache, dass eher Männer den Offenen Kanal nützen als Frauen. Sicher hat das mit der Faszination Technik zu tun, die Männer offenbar stärker anzieht. Aber auch mit einem Problem in der Vermittlung. Da wird gerne mit einer Terminologie gearbeitet, die als Bluff eingesetzt wird, ähnlich wie bei den negativen Ausformungen der akademischen Sprache. Aber es gibt viele Dinge, die man beachten muss, damit der Frauenanteil gestärkt wird. Es ist insbesondere auch wichtig, dass Frauen in den Offenen Kanälen als Betreuerinnen tätig sind, so dass sich Frauen eben stärker angesprochen fühlen.


Es gibt ja auch Projekte, die sich ganz spezifisch mit dem Thema "Gender" befasst haben.

Ja genau. Zum Beispiel durch spezifische Redaktionen. Im Handbuch Medien - Offene Kanäle, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, finden sich zahlreiche Beiträge zu solchen Projekten, die in Deutschland stattgefunden haben.

Kann ein Offener Kanal zum besseren Verständnis zwischen den Geschlechtern beitragen?

Ja, davon bin ich überzeugt. Ein Offener Kanal ist mit viel Kommunikation und zwischenmenschlichen Kontakten verbunden. Der Offene Kanal sollte wirklich eine Institution sein, die als Kontakt- und Kommunikationszentrum wirkt. Das heißt, dass dort die Beiträge auch wirklich miteinander gemacht werden. Es sollte sich im Umfeld eines Offenen Kanals eine Community bilden, in der Ideen ausgetauscht werden und Gruppen zusammenfinden, die dann gemeinsam Beiträge machen. So kann man auch einen wertvollen Beitrag für alle Arten des Verständnisses leisten. Auch in Hinblick auf das Geschlechterverhältnis, das in unserer Kultur sicherlich einer Verbesserung bedarf.

Johannes Schütz
ist Obmann des Arbeitskreises Offene Kanäle Österreich und Herausgeber der Studie zur praktischen Umsetzung des Offenen Fernsehkanals Wien.

Das Interview führte Fabian Burstein.