Gespräch mit Armin Thurnher

Meine erste Frage betrifft Ihre Rolle als Mitbegründer und Herausgeber des "Falter". Was hat Sie 1977 dazu bewogen, mit dem "Falter" zu starten und damit ein vollkommen neues Medienprodukt auf den österreichischen Markt zu bringen?

Bewogen hat uns die rigide und verknöcherte Mediensituation in Österreich, Ende der 70er Jahre, in der auch noch der Einfluss von Parteien und Interessensvertretungen stärker war. Wir hatten als junge Studenten das Gefühl, dass so etwas wie unabhängiger Journalismus nicht mehr möglich ist. Daher haben wir beschlossen, es mit einer eigenen Zeitung zu probieren. Ohne öffentliche Unterstützung und ohne Ahnung, wie man so etwas aufzieht. Wir haben es auch deshalb geschafft, weil wir zwei Jahre auf Geld und Honorare verzichtet haben.

Ihr Vorwort ist ein sehr wichtiger Bestandteil des "Falter". Sie haben dieses Vorwort durch einen sehr berühmten Satz geprägt, der lautet: "Im übrigen bin ich der Ansicht, dass die Mediaprint (mittlerweile: Mediamil) zerschlagen gehört." Wie lebt es sich als Chefredakteur eines Mediums, das außerhalb dieses großen Konzerns steht?

Es lebt sich eigentlich ganz gut. Es war zwar nicht beabsichtigt, dass sich dieser Satz so propagandistisch entwickelt. Er hat aber sehr gute Dienste dabei geleistet. Ich glaube der Witz dabei war, dass sehr viele Leute den Gedanken geteilt haben, aber sehr wenige in anderen Medien es gewagt haben, ihn auszusprechen.
Jedenfalls ist uns das doch insgesamt zugute gekommen, weil die Haltung des "Falter", die ja im wesentlichen auch darin besteht, dass wir unabhängig sein wollen, verdeutlicht wurde. Das war schon ein Erfolg dieses Satzes.

Sie weisen dadurch permanent auf die Problematik der Medienkonzentration hin. Glauben sie, dass die Vermittlung von Medienkompetenz, die durch diesen Satz ja, wenn auch subtil, eingefordert wird, eine immer wichtigere Rolle im Alltag spielt? Denn nur so kann das mediale Konstrukt von Wirklichkeit verstanden werden.

Das ist auf jeden Fall sehr wichtig. Wenn man sich vorstellt, dass die große Mehrheit der Österreicher keine Ahnung von einer Qualitätszeitung hat, ist das vielleicht nicht so schlimm. Aber auch die österreichischen Eliten haben keine Vorstellung. Wenn die täglich die Krone, lesen finden sie das ganz in Ordnung. Dann lesen sie vielleicht noch die "Presse" oder den "Standard" dazu und denken sich nichts Böses dabei, wenn sie im Ausland eine "Neue Zürcher Zeitung" oder eine "Süddeutsche Zeitung" sehen. Es handelt sich hier in jedem Fall um eine ziemlich dramatische Tatsache. Ich glaube schon, dass eines der Mittel, um diese Fähigkeit, mit Medien umzugehen, herzustellen, eine Medienkompetenzvermittlung in der Schule bzw. in möglichst vielen Projekten ist.

Woran könnte es liegen, dass die Schwellenangst bei Qualitätsmedien so groß ist? Ist der Qualitätsjournalismus einfach zu abgehoben? Trägt er selber Schuld daran, dass die Leser in die Arme von Massenmedien mit geringerem Qualitätsanspruch getrieben werden?

Nein. Es ist klar, dass der Sog durch kommerzielle Medien sehr stark ist. Die wollen die Aufmerksamkeit von sehr breiten Bevölkerungsschichten ansaugen, ohne dabei sehr gebildete Schichten auszuschließen. Es ist nicht so, dass die Leute so blöd sind, sondern diese Medien sind so geschickt gemacht. Auf der anderen Seite fehlt natürlich bei uns ein gewisses gesellschaftliches Bewusstsein.
In der Schweiz gibt es die "Neue Zürcher Zeitung". In dieser Zeitung findet man sehr qualifizierte Berichte aus aller Herren Länder. Da kriegt man ein anderes Bild der Welt als bei uns. Aber auch über die Schweiz wird in einer anderen Qualität informiert.
Bei uns machen die Politiker dieses Spiel der Medien mit, wo alles nur auf öffentliche Reize und Reaktionen reduziert wird. In Wirklichkeit wäre es der Job eines Politikers, Staatsbürgern die Möglichkeit zu geben, mündig zu entscheiden und ihnen dafür eine gute Entscheidungsgrundlage zu geben, indem sie die besseren Argumente liefern. Stattdessen spielen die Politiker lieber dieses "Krone - News - Spiel" mit und schauen, dass sie darin vorkommen, mit dem Dackel im Bild und irgendwelchen Verkleidungen. Ich glaube, auf Dauer ist das eine Fehlkalkulation. Die Leute durchschauen das.

Wir haben jetzt gleich zu Beginn über die Kommerzialisierung der Medien gesprochen. Der Offene Kanal ist ja das definitive Gegenkonzept zu dieser Tendenz. Welche Rolle kann der Offene Kanal in der gegenwärtigen Medienlandschaft Österreichs spielen?

Wir haben in Österreich ein spezifisches Problem mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der ist nämlich ein halbkommerzieller Rundfunk. Die Politik sagt: "Du darfst uns nicht zuviel kosten und das ist das Wichtigste". Darum lässt der ORF eine Reihe von Dingen offen. Es bedarf daher gerade Medien, die dort eingreifen und Lücken schließen.


In der Konzeption des Offenen Kanals ist zumeist ein Medienbildungszentrum mit KommunikationsassistentInnen integriert, in dem der Beitrag erarbeitet wird. Es gibt häufig den Vorwurf, dass es reicht, eine Videokassette zuzusenden, um in das Programm aufgenommen zu werden. So kann der Offenen Kanal natürlich nicht funktionieren. Halten Sie diese Koppelung, Offener Kanal/Bildungszentrum, für sinnvoll, oder ist das eher eine Abschreckung?


Ich glaube das ist sehr sinnvoll. Es hat einen produktionspädagogischen Effekt, wenn die Leute einen Beitrag mit Assistenz herstellen. Wenn die Leute sehen, dass es gewisse handwerkliche und inhaltliche Kriterien gibt, an die man sich im Journalismus halten muss, dann stellt das ein anderes Medienbewusstsein her. Daher kann das nicht schlecht sein.


Ist dann auch Qualitätsjournalismus von Laien möglich?


So etwas von vornherein abzustreiten wäre arrogant. Aber ich glaube, dass Journalismus schon ein Beruf ist, der sehr schwer ist. Wir sind eine kleine Zeitung, mit wenig Budget und wir kämpfen immer wieder mit den Mitteln, die man braucht, um diese Qualität herzustellen. Das Gute am Offenen Kanal ist, man stellt ein Bewusstsein für die Schwierigkeit, aber auch Notwendigkeit, von Qualität in der Berichterstattung, her.

In einem Anliegen ist der Offene Kanal dem Falter wahrscheinlich sehr ähnlich: Die Lebenssituation von Minderheiten soll dargestellt werden, um gegenseitiges Verständnis herzustellen. Hat da der ORF in den letzten Jahren trotz öffentlich-rechtlichem Auftrag versagt?

Der ORF macht das relativ lieblos. Zwar gibt's auch Sendungen wie "Kreuz & Quer", wo dann doch wieder das eine oder andere vorkommt. Aber das Thema "Minderheiten" wird doch eher in "Ghettos" abgedrängt und ist nicht wirklich ein Anliegen.

Ein Kernziel des Offenen Kanals ist die Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung beziehungsweise deren Förderung. Welche Möglichkeiten hat der Bürger derzeit, seine Meinung medial zu artikulieren?

Es hängt vom Geschick ab und wie das Anliegen des Bürgers mit den Bedürfnissen der Medien zusammentrifft. Die Gefahr, dass er geschluckt und instrumentalisiert wird, ist sehr groß.
Auf der anderen Seite ist es so, dass die Gesellschaft sicher nie so durchlässig war wie jetzt. In der so genannten Zivilgesellschaft ist es leichter denn je, sich Gehör zu verschaffen. Angefangen beim Flugblatt bis hin zur Bürgerversammlung.

In Ihrem Medium gibt es zahlreiche Gastkommentare, die natürlich auch persönliche Meinungen repräsentieren. Halten Sie die persönliche Stellungnahme für ein wichtiges Element in einem medialen Produkt?

Schon. Meinung und Kommentar müssen natürlich getrennt werden und wenn Meinung, dann halte ich es schon für notwendig, dass man viele verschiedene Meinungen zu Wort kommen lässt. Das wird zunehmend wichtiger. Wobei ich bedauere, dass es gleichzeitig nicht wichtiger wird, mehr Informationen zu bringen.
Die Tendenz zur versteckten Meinung ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Und da bin ich dann doch dafür, dass man seinen Namen unter den Artikel schreibt und ihn als Meinung ausweist.

Im Offenen Kanal kommt das Ausgewogenheitsprinzip nicht innerhalb eines Berichtes zum Tragen, wie das ja im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sein sollte. Die Ausgewogenheit entsteht aus der Vielfalt von Berichten, also aus dem freien Zugang. Halten Sie diese Konzeption für sinnvoll?

Das halte ich für gescheiter. Ich war immer ein Gegner dieses "Einerseits/Andererseits" - Journalismus, weil das im ORF Kritik oft tötet. Ich habe auch schon wütende Anrufe vom ORF bekommen, weil ein Moderator die Frau Lindner (Generaldirektorin des ORF, Anm. d. Red.) in einem Interview kritisiert hat und Frau Lindner hat sich dann aufgeregt, weil sie nicht gefragt wurde. Das geht einfach zu weit, denn wenn ich jemanden etwas frage und er sagt im Rahmen des gesetzlich Erlaubten seine Meinung, dann bin ich nicht verpflichtet, eine Gegenmeinung einzuholen. Ich glaube auch, dass es dem ORF besser anstünde, nicht zu sagen: "Bei uns herrscht Objektivität in jedem Bericht!" Weil die gibt's eh nicht. Die stellt sich über die Summe der Berichte her. Das finde ich auch vernünftiger.

Eine Grundidee des Offenen Kanals ist auch der freie Zugang für jeden, solange keine verbotenen beziehungsweise menschenverachtenden Inhalte publiziert werden.
Die Gestalter müssen auch mit ihrem Namen einstehen. Sehen Sie dennoch irgendwelche problematischen Aspekte an diesem absolut freien Zugang?

Es muss halt eine Instanz da sein, die festlegt, was menschenverachtend ist und was nicht. Weil der Name allein am Ende des Beitrags genügt nicht. Auch in Chat-Foren muss der Webmaster schauen, dass gewisse Grenzen nicht überschritten werden. Das ist aber ein redaktioneller Eingriff, den jedes Medium braucht. Man sollte also in einem Offenen Kanal nicht verschweigen, dass die Offenheit eine geordnete ist, bei der es auch Eingriffe geben muss.

Meine Abschlussfrage: Wenn der Offene Kanal kommt, würden Sie sich als Privatperson beteiligen?

Meine journalistische Kraft investiere ich in mein Schreiben und das erscheint dann im Falter oder in Buchform.

Also darf der Offene Kanal nicht auch noch an Ihren Ideen und Meinungen teilhaben?


Das wird schwierig. Ein Interview können wir aber ab und zu machen.


Armin Thurnher ist Mitbegründer und Herausgeber der Wiener Stadtzeitung Falter.

Das Interview führte Fabian Burstein.